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"..und da stand der Bordstein auf und schlug mir in die Fresse."


Überall.

Die Perle

 

Ich fange dir Wasser,

fange es ein

und schenke dir Tropfen

für Tropfen

dem dürstenden Herzen

ich schenk es ihm ein.

 

Ich forme dir Hüllen

forme sie klar

das Herz liegt warm

und wärmer

auf samtenen Kissen

in der dunklen Kiste unsichtbar.

 

Ich baue dir Schlösser

baue sie gut

und du sitzt Stunde

um Stunde

vor goldenen Stäben

weit draußen der Schlüssel ruht.

23.1.12 23:33



Das Herz.


Wartet,
still ist's schon so lange.
Der Plan durchdacht,
gefangen, mitten in der Falle.
Im Dreck gegraben und gewühlt,
getränkt und längst ertrunken
ist die Höhle wohl zu tief?
Hat es den Schatz gefunden.
Von Zeit ist Staub und Blatt
gekomm',den Eingang zu bedecken.
Die Vorsicht mahnte dich,
den Kopf schlussendlich in den Sand
zu stecken, so gedämpft sind längst verhallte Rufe
der Jäger sitzt in seinem Grab.
Das scheint wohl das Ziel für soviel Mühe
vielleicht war's der Ausgang, den's nicht gab?
Als Zuflucht, Nachsicht, List,
die Beute in das Loch zu locken.
Den Blick nur zu weit oben,
schon ist es eingebrochen.

Fühl nur, Sie sucht noch immer -
fort nach dir weint leise sich in seichten Schlaf.
Und unter jedem Schritt von ihr,
liegst du und keuchst und röchelst brav.

Eingeklemmt zwischen Geröll,
sinnst träg' nach ihrem Namen.
Ach schweig! Und atme schnell
denn nur der Tod hat hier erbarmen.
Du wartest,
still ist's schon so lange.
Denn die Zeit dreht sich um mein Gefühl
Wir werden bleiben, keine Bange.

Für immer,
werden wir,
das Herz,
ich
und der Schlüssel
für die Tür.



10.1.12 00:40


Teil II

Wie es sein kann.


Fortsetzung.
 
 
 


Der Himmel zeigte sich gnädig und weiße, wenn auch dünne Flocken, suchten sich gemächlich den Weg zur Erde. Langsam färbten sie die grauen Asphaltwege in helle Pfade, sie dämpften den grollenden Lärm und ließen stattdessen zarte Klänge in die Köpfe der Menschen schweben. Es war, wie es sein sollte, wie man es sich wünscht.

Die Leute saßen hinter den Fenstern, so nah am geschmückten Baum, das sie ihn fast nicht mehr erkannten. Überall glitzerte und funkelte es und überall lag etwas in der Luft, das als erstes die Kinder und kurz danach die Erwachsenen, als Weihnacht erkannten.

Es war der heilige Abend. Längst war Ruhe eingekehrt.

Geschenkpapier lang zerrissen auf den Böden, Geschenke gestapelt und verspielt, bewundert und bedacht. Freude glänzte in müden Augen und mancher breitete die Arme aus, um Einlass zu gewähren.


In mitten der warmen Stille, lehnte die Liebe an einem Türrahmen und blickte bedacht auf das schlafende Paar.

In inniger Umarmung waren sie eingenickt, umringt von Lichterglanz in Sternenstunden.

Die Liebe wischte sich fahrig über das Gesicht. Es hatten sich wohl ein paar Staubkörner in ihren Augen verlaufen und sie musste die Tränen beiseite schieben, um wieder klare Sicht zu erlangen.


In ihren Gedanken verloren, bemerkte sie nicht wie eine Gestalt hinter ihr erschien. Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter und wäre die Berührung ihr nicht so vertraut gewesen, wäre sie wohl zusammen gezuckt.

Sie ließ sich Zeit den Kopf zu drehen, ganz vorsichtig, ganz sachte, wie ein scheues Reh blickte sie in die grauen Augen des Friedens.

Stumm standen sie da, gar unfähig ein Wort zu sagen und während sie beide noch überlegten, wie man das simpelste aussprach, erklang ganz nah die Stimme einer dritten Person.

„Ihr beiden hier?“

Die Hoffnung war bedächtig an sie herangetreten, ihre Stimme klang brüchig als wäre sie zu oft bewegt worden. Wieder fehlten die Worte und wurden durch leichtes Nicken überspielt.

Allen drein war die Torheit bewusst, die sie an den Tag gelegt hatten.

„Ich glaube...“ der Friede räusperte sich während er nach einer Formulierung rang

„Ich glaube, ich muss mich bei euch entschuldigen.“

Sein Ton klang träge und gedehnt, nach etwas, was längst überfällig war.

Die Hoffnung schritt um die beiden herum und blickte sie, den Kopf etwas eingezogen, an

„Nicht nur du lieber Friede, auch mir tut es furchtbar leid.“

Zaghaft nickte die Liebe

„Mir auch... von ganzem Herzen.“ Ihre Stimme überschwemmte den Raum und durchzog ihn mit Reue.

An die Wand, dicht neben der Liebe, lehnte sich die Hoffnung an und betrachtete das selig schlummernde Paar.

„Schön, wie sie so daliegen, nicht?“ sie schniefte etwas, während sie sich das Bild weiter besah.,. Die Liebe nickte nun heftig und war fast wieder zu Tränen gerührt.

„Ich kann mich sehen und fühlen wenn ich sie so sehe!

Und ihr seid auch in ihnen, fest verankert.“

Der Friede legte die andere Hand auf die Schulter der Hoffnung.

„Ja..“ sprach er in seinem tiefen Bass

„Wir alle sind in ihnen, wir sind die Wurzeln. Wir tragen die Menschen und sie tragen uns.“ Die Hoffnung blickte verwundert und traurig zugleich

„Aber wieso haben wir das dann vergessen?

Wieso haben wir es nicht gesehen?

Wo es doch so deutlich ist!“

Ein Lächeln spielte um die Lippen des Friedens


„Ich glaube, wir waren zu festgefahren, wir haben den Fehler begangen, den jeder einmal begeht. Das Schlechte scheint so groß und schmerzt uns viel zu sehr, das wir das Gute ganz außer Acht gelassen haben.

Wir urteilen voreiligen über die Menschen, nur um jetzt zu begreifen, das sie es sind, die uns vereinen.“ er schloss einen kurzen Moment lang die Augen und lauschte dann der Stimme der Liebe „Sie brauchen uns gar nicht vereinen, es geschieht von selbst. Was wir nicht fühlten, war die ganze Zeit so präsent das es uns nicht auffiel.

Ohne die Hoffnung kann keine Liebe entstehen,

mit dem Frieden erblüht die Hoffnung ganz

und mit der Liebe, schwillt der Friede im Herzen in ein unendliches Maß.“


So standen die drei noch lange und lauschten den schlagenden Herzen.

So standen sie lange dicht bei einander, weil sie eins waren mit sich.

Und die Welt war eins mit ihnen.



 
 
26.12.11 15:15


Teil I


Wie es sein kann.

By Lyrin


Die kleinen Glocken wirbelten umher und ertönten hell, als die Tür sie anstieß. Ein kalter Windzug machte sich im Raum breit, mit ihm ein kurzer Duft von gebrannten Mandeln sowie kaltes Stimmgewirr, gerade solang bis das letzte Läuten verklungen war. Bei gedämpften Licht und Kerzenschein wurde gemurmelt und gelacht. Wortfetzen schmückten die Luft, erfüllten sie mit Schnee und Weihnachtsgeschenken, mit Wünschen und Absichten.

Weiter hinten im Raum, dort wo die Stille Einzug gehalten hatte und die zwei in sich gesunkenen Personen abschirmte, dorthin trieb es den neuen Gast und er ließ sich auf den noch freien Sessel sinken. Die beiden anderen blicken kurz auf, ehe sie sich ihrem Kaffee zuwandten.


„Bist du auch schon da.“ sprach die eine leise mit einer zarten, wenn gleich traurigen Stimme. „Entschuldigt die Verspätung.“ er räusperte sich und fuhr dann fort „Ich war so aufgebracht und wollte euch nicht damit behelligen. Trotz allem und wie ihr seht und hört komme ich nicht zur Ruhe.“ kurz hielt er inne. „Meine Liebe, meine Hoffnung..“ nacheinander blickte er sie an. „Sagt mir ihr beiden, was ist aus den Menschen geworden?“ Seine Stimme glich bei diesen Worten mehr einem Seufzen und während er sprach, schob er sich den schweren Wintermantel von den Schultern. Im matten Licht funkelten die kleinen Wasserperlen darauf wie dutzende, edelst geschliffene Diamanten.

Ein Löffel klirrte gegen das Innere einer Tasse und die Hoffnung sprach gedankenverloren: „Mein lieber Friede, was erwartest du darauf noch für eine Antwort?“

Sie ließ den Löffel in der Tasse ruhen und blickte in die Flamme der kleinen Kerzen, welche in der Mitte des Tisches langsam dennoch stetig ihrem Ende zuging. „ Man stelle sich vor, ich wandere seit Wochen durch die Städte und Länder, nirgends erkenne ich mich wieder. Es gibt kein Zeichen, keinen Gedanken der auf meine Existenz hindeutet. Die Menschen haben mich verloren. Dort ist kein Flämmchen mehr, nicht einmal ein Funken. Ihre Köpfe sind gefüllt von Leere, von Angst, von Schmerz. Es sickert in ihre Herzen und vertreibt alles Gute, alles Lohnenswerte. Sie streben nicht mehr, sie glauben nicht mehr und zuletzt vergessen sie mich und hoffen nicht mehr.“ die Stimme der Hoffnung wurde zu einem Flüstern „Ich bin verklungen, ein Märchen bin ich und noch nicht mal das. Eine Geschichte aus alten Tagen, an die sich niemand mehr erinnert. Nicht mehr und noch viel weniger.“ Sie sank in die Lehne des Sessels zurück, die Hände ruhten in ihrem Schoß während ihr Blick in weiter Ferne lag. Neben ihr regte sich die Liebe, die ihr mit zusammen gepressten Lippen gelauscht hatte. Sie trank einen Schluck des mittlerweile kalten Kaffees und blickte die anderen grimmig an. „Glaube nicht, das es nur dir so ergeht.“ platzte es aus ihr heraus. Sie musterte die Hoffnung ausführlich und mit einer Stimme die durch Mark und bein ging knüpfte sie an: „Was glaubst du, geht den Menschen in diesen Tagen durch den Kopf? Sieh sie dir an! Wir sehen das gleiche! Sie gehen kaufe,kaufen kaufen. Sie kaufen im Fernsehen, im Internet, in Kaufhäusern, in Supermärkten. Als würde ihr Leben einzig daraus bestehen.

Sie kaufen nicht mal mehr, um anderen Freude zu bereiten, sondern sie tun es, weil es alle tun. Suggerieren sich gegenseitig wie wichtig es wäre viel Geld auszugeben, da bleibt keine Zeit für Mitgefühl.“ Die Liebe versteifte sich merklich, ein dunkles rot breitete sich flächendeckend in ihrem Gesicht aus. „Ich sehe meinen Untergang, so sieht es aus. Selbst mich kann man heute kaufen, man kann mich verschenken und benutzen, hübsch verpackt als Wecker oder Kettchen. Ich gehe unter in der Hektik, in diesem dicken Grau in dem es keine Zeit mehr für Umarmungen oder Küsse gibt. Nicht ein ein Lächeln. Nur Ellenbögen und Beschimpfungen. Ich sterbe aus, niemand sieht mich. Das Menschenvolk ist blind. Dauernd sprechen sie von mir, allenfalls leere Worte.“ Frust und Zorn quoll aus den Silben und blieb regungslos in der Luft hängen, bis der Friede die Hände auf Tisch knallen lies. „Du armes Wesen! Wie bedauernswert!“ in gespielten Mitleid tätschelte der Friede ihr den Arm, lachte bitter auf und fuhr sie an: „Wenn es unser einziges Problem wäre, das die Menschen sich gegenseitig mit Speichel versorgen! Amors Pfeil kann sie leider nicht durchbohren, wenn sie tot im Straßengraben liegen. Oder zumindest nützt ihnen das nicht viel. Du musst zu ihnen hingehen, bist du das? Nein! Du hast schlicht und einfach versagt, so ist das! Schau dir die Nachrichten an! Es herrscht Krieg auf der Welt, überall bekämpfen sich die Menschen, zerstören sich selbst. Schau dich um! All die Leid geplagten Seelen. Die Bomben und Gewehre! Selbst hier in diesem Raum! Schau dich um! Wie viele mich nicht in sich tragen. Wie viel Hass und Zerstörungen in den Herzen jeder einzelner liegt. Ja meine Liebe, sie können sich nicht selbst lieben - so gut bist du! Nicht einmal das können sie mehr! Wie soll ich dann zustande kommen? Wie sollen sie mich in sich selbst finden?“ der Friede atmete lautstark aus und drückte sich so schwungvoll in die Lehne, dass der Sessel einen Moment lang zu kippen drohte. Ein stummes Duell entstand, ausgetragen mit Blicken die wie Pfeile auf den jeweils anderen niederprasselten. Die Hoffnung verfolgte das Kriegsspiel kurz, bis es ihr zu bunt wurde. Sie erhob sich und stieß dabei gegen den Tisch. Das Klirren der Tassen ließ die beiden aufblicken.

„ Nun reißt euch zusammen!“ blaffte sie. „Was soll das werden? Übertrumpft ihr euch jetzt gegenseitig? Das war nicht der Sinn dieses Treffens!“ grollend zog ihre Stimme durch die Luft und ließ einen Stich in beiden Herzen zurück. Doch es dauerte nicht lang, da hatte der Friede sich erholt und blickte sie wutentbrannt an: „ Es war klar das du wieder deinen Senf dazugeben musst! Immer du – du – du, deine Probleme sind natürlich wichtiger. Dabei wirst du nicht gebraucht! Jawohl, das liegt mir schon lange auf der Zunge. Hoffnung ist etwas für Anfänger, für Menschen die mich nicht umsetzen können weil sie zu schwach sind! Du hattest recht, vergessen bist du! Besser ist das!“

„Ach so ist das!“ sagte die Liebe ironisch. „ Dann bin ich sicherlich auch nur etwas für Träumer, für Verlorene die sich nicht zusammenreißen können um das wesentliche zu erkennen!“

„Selbsterkenntnis“ zischte der Friede ihr entgegen „Ist der erste Schritt zur Besserung!“

Die Hoffnung trat einen Schritt vom Tisch weg und starrte den Friede an, in ihren Augen loderte für einen Lidschlag Schmerz, der jedoch schon im nächsten Moment von unbändigem Zorn übermannt wurde. „Auch ohne dich können die Menschen glücklich sein, auch ohne dich gibt es mich! Gerade in Zeiten der Krise erkennen die Menschen mich wirklich und verlangen nach mir! Wer braucht dich schon!“ abrupt wandte sie sich der Liebe zu „Und du wirst sowieso überbewertet! Ignorant bist du! Duldest niemanden neben dir und wirst bei jeder Kleinigkeit eifersüchtig! Deine eigenen Ideale verwirfst du permanent und baust neue auf! So ein Scheiß! Besser ist's, das sie dich kaufen - so bleibst du zumindest beständig!“

Mit diesen Worten schwang sich die Hoffnung ihren Mantel über und verließ, ohne noch einen Laut von sich zu geben, das Café. Die Liebe knurrte ihr leise hinterher, drehte sich jedoch gleich wieder dem Frieden zu und giftete ihm entgegen„ Wie recht sie hat und sowieso du bist doch nur ein Trugbild, dich hat es nie wirklich gegeben! Du spielst den Menschen nur etwas vor um dich daran zu ergötzen!“

„Aber du! Du bist echt, nicht wahr? Du bist wahrhaftig und immer während? Wie du dich noch im Spiegel ertragen kannst!“ Die Stimme des Friedens hallte im Raum nach, auch er schwang sich seinen Mantel über die Schultern, macht auf dem Absatz kehrt, eilte hinaus. Einige Augenblicke verharrte die Liebe, nahm ihre Tasse und trank den kläglichen Rest, ehe sie blind vor Ärger und Groll ebenfalls den Weg ins Freie suchte.

 

 

__________________________________________________

 

 

Die Kerze auf dem verlassenen Tisch flackerte als sich die Tür abermals schloss. Kurz schwenkte ihr Lichtkegel tiefer in die Ecken hinein und bracht eine dunkle Gestalt zum Vorschein, die man erst auf den zweiten Blick bemerkte. Der Kragen des Mantels war hochgestellt und der Hut tief ins Gesicht gezogen, die Zigarre zwischen den schlanken Fingern züngelte kleine Rauchfäden empor. Kurz schien es, als wäre er eingeschlafen, dann schnellte seine Hand nach vorn und stieß die Asche des Glimmstängels auf den Boden ab. Die andere schob den Hut höher und wie aus dem Schatten seiner Selbst empor gestiegen sah man nun sein ganzes Gesicht. Es war ein alter Mann der dort saß, dessen Lächeln unzählbar viele Falten in sein Gesicht legte. Genüsslich zog er an der Zigarre, blies kleine Kreise in die Luft und sann ihnen nach. Sein Lächeln galt der Unscheinbarkeit. Wenige bemerkten Ihnen, wenige schenkten ihm die Beachtung, die ihn vertrieb. Er war gerne ein stiller Beobachter, ein stummer Begleiter. Er brauchte keine Worte um die Dinge zu bewegen, sie taten es von selbst.

So saß er dort, im Schatten aller und lächelte vor sich hin, am Ende war es doch er, der lachte.

Am Ende war es immer er.

Denn welches Wesen bemerkte schon die Selbstsucht?

24.12.11 01:38


Ausgezogen.

Entschuldige, für das lange Schweigen.
Für die unausgesprochenen Worte
Für die lautlosen Geschichten,die meine Augen erzählen.


Die du nicht lesen kannst.


Entschuldige, für all die Tränen,
die wie salzige Flüsse über die roten Wangen rennen.
Für die bebenden verzehrten Lippen

Die du nicht sehen kannst.


Entschuldige, für all die Gefühle.
Für diesen großen Sandsturm Emotionen.
Das unfähige wortlose Chaos

Das du nicht wissen kannst.


Entschuldige, für die Gedanken
gehegt und gepflegt und vorsichtig verstaut.
Gebrochen und Zerfleischt wie krankes Rot.

Das du nicht fühlen kannst.


Entschuldige, für die Leere
Risse die alles in den inneren Abgrund ziehen
Und die stummen Schreie nach dem Leben.


Die du nicht hören kannst.

1.11.11 23:39


Z w i s c h e n d r i n.

Unerwartet rau treibt der Wind mir die Haare ins Gesicht. Meine Füße scheinen den Boden kaum zu berühren. Kurz bleibt mir die Luft weg, nur um dann mit voller Kraft in meine Lungen gepresst zu werden. Ich komme so plötzlich an meinem Ziel an, das ich einige Minuten brauche um zu begreifen wo genau ich bin. Irritiert murmle ich ein 'Guten Morgen' und höre die verhallenden Reaktionen. Ich bin mir sicher schon einige Stunden wach zu sein, wieso also diese plötzliche Traum-Sequenz? Es war keine, es war Realität- oder? Unsicher graben meine Hände in den Jackentaschen und die Linke zieht das Handy hervor. Die Uhrzeit versichert mir das ich nicht schlafe, das ich es schon lange nicht mehr tue.
Ich stolpere vorwärts, mit der grauen Masse zum Unterricht. Meine Laune verschlechtert sich stetig ohne erkennbaren Grund. Neunzig Minuten ziehen wie trübes Wasser an mir vorbei und verschlagen mir die Sprache. Wieder stockt der Atem, der Sauerstoff verpasst den Eingang zur Luftröhre. Es kratzt und keucht in mir. Ich taumle hinaus.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.
Die Organe in meinem Inneren reiben sich unsanft aneinander, während ich mit zitterndem Griff die Zigarette zum Mund führe.  Ganz sicher. Ich höre mich reden, ich sehe den Rauch der sich aus meinem Mund heraus in die kalte Umgebung verteilt.
Ich erzähle weiter. Bin mir nicht sicher, was ich rede. Mein Blick wird aufgefordert sich umzusehen, Verwirrung, nach was er sucht, dann ein Innehalten.
Ich höre gedämpft wie ich verzweifelt mehrmals dasselbe Wort wiederhole, wende mich wieder meinem Gesprächspartner zu. Habe den Faden verloren, ohne ihn jemals in der Hand gehalten zu haben.
Ohne Konzept, mein Kopf wiederholt die Bilder. Wiederholt sie weiter. Ich suche nach einem neuen Faden. Ich bitte meinen Gesprächspartner höflich mir wieder ein zuhelfen, mich irgendwie zurück zu holen.
' Er wird nicht mal gemerkt haben, das überhaupt jemand auf der Bank saß an der er vorbei lief.'
Ich entsinne mich des vorher geführten Gespräches, ruhe kehrt wieder ein.
Die Mob setzt sich abermals in Bewegung, ich rudere mit.
Ein Teil von mir schluckt den trockenen Alltag, Stück für Stück.
Ein anderer verliert sich immer weiter, vergisst wo er lebt.
Ich kann ihn nicht aufhalten, nicht festhalten. Er gibt mir das Gefühl nie angekommen zu sein.
Als es dunkel wird, spüre ich das ich einen weiteren Tag verpasst habe. Ein tiefen Wimmern erfüllt mich, es dröhnt.
Erst auf dem weichen, zerwühlten Laken finden die beiden Hälften in mir zueinander, sprechen die selbe Sprache, können sich verstehen.
Ich ziehe die Decke höher und kneife die Augen fest zusammen.

Ohne zu wissen wer ich bin.
 
 
Zwischendrin.

Zwischen weißen Oleandersträuchern

Keuchen, Heulen, Flehen.
Zarte Wunden, raue Blätter.
Kratzende Erinnerungen
Zahme Gedanken.
Kalter Schmerz vergeh.
Zeitlose Stunden
Kein Gefühl erwägen
Zwischen weißen Oleandersträuchern
Kranke Angst kotzen sehen. 

1.11.11 21:20


Sperrzone Sozialisation.





Das schwarz-gelbe Absperrband bewegt sich im seichten Wind und taucht die Welt in ein merkwürdiges Knistern, das jedes andere Geräusch in der Umgebung verschluckt. Kurz glaubt sie, es würde sogar in ihrem Kopf widerhallen.

Die Hände tief in den Taschen der Hose vergraben beobachtet sie das kleine Papierschild welches langsam mitschwingt. Die Buchstaben kommen mal näher zu ihr, mal entfernen sie sich wieder. Sie sind groß, dick und schwarz und vor allem unübersehbar.
'SPERRZONE'
Sie macht einen Schritt nach vorn, hin zu der Linie die sie von dem Ort dahinter trennt, bleibt dann wieder unschlüssig stehen. Eine heftigere Böe wirbelt Staub auf und lässt sie kurz darin verschwinden. Die Luft ist kalt und trocken, mit der Zunge befeuchtet sie die aufgesprungenen Lippen. Noch zwei Schritte weiter, dann zieht sie die Hand aus der Tasche und drückt das Absperrband zu Boden, ein letzter Schritt, dann steht sie direkt darauf.
Die Hand kriecht wieder in ihr warmes Versteck, ihre Mimik ist unberührt.
Nun steht sie auf keiner der beiden Seiten.


Ich routiere im Stillstand. Ein Pradoxon.
Unterordnen, einordnen, zuordnen.



Das Licht ist gedämmt, ich spüre das er hinter mir steht und mich beobachtet. Meine Hände verkrampfen sich ineinander, doch ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, setze ein neutrales Gesicht auf. Schließlich höre ich, wie er sich in Bewegung setzt, er rückt in mein Blickfeld und lässt sich dann auf dem Stuhl an der anderen Seite des Tisches nieder.
'Schön sie wieder zu sehen.' raunt er mir zu, ein dreckiges Grinsen breitet sich dabei wie eine Lawine auf seinem Gesicht aus.
'Die Freude ist nicht unbedingt meinerseits.' gebe ich leise zurück und versuche dabei ihm möglichst standhaft in die Augen zu blicken

Er beugt sich für einen Moment zur Seite, ehe er unter einem Grunzen einen dicken Aktenordner auf den Tisch fallen lässt. Das laute Geräusch lässt mich zusammenzucken, während ich gleichzeitig begreife was er von mir will.
'hier sind alle Möglichkeiten mit den passenden Argumenten aufgelistet, jede Sparte ist abgedeckt und auch Mischformen wurden nicht gekürzt. Im Anhang finden sie jeweilige Definitionen und eventuelle Überzeugungen. Sie haben alle Zeit der Welt sich zu entscheiden, nun ich korrigiere, sagen wir- sie haben eine Stunde, ich brauche auch meinen Feierabend.'


Ein langgezogenes Seufzen dringt aus meiner Kehle, ich lehne den Kopf nach hinten und betrachte die nackten Betonplatten der Decke. 'Das hatten wir schon mal, ich werde es auch diesmal nicht tun.' kommt es gequält aus mir heraus. 'Sie weigern sich?', die Stimme klingt nun einen Tick schärfer als zuvor, das Süßholz ist wohl ausgebrannt.

'Ja.' mit einem Ruck setze ich mich aufrecht und starre mein gegenüber an. Die Angst wich mit der Entscheidung und genüsslich betrachte ich das Entsetzen im anderen Gesicht und die kläglichen Versuche es zu verstecken.
'Sie haben ja nicht mal rein gesehen!', zu Fäusten geballte Finger hauen auf den Tisch und er richtet sich auf. An seiner Schläfe erhebt sich eine Ader und mein Fuß wippt im Rhythmus des pulsierens.


'Das werde ich auch nicht. Ich kenne die Zeilen, auch ohne sie zu lesen. Ich weiß was sie mir andrehen wollen und ich will es nicht.' mein Fuß hält still, ich stehe ebenfalls auf und laufe um den langen Tisch herum. Als ich vor ihm zum stehen stand komme, scheint er erschrocken.


'Nun nehmen sie doch irgendwas, so kann ich das nicht stehen lassen- das wissen sie! 'Individuum, Mitläufer..Punk, Zyniker.. Egoist? Vegetarier? Katholik! Irgendwas wird schon zu ihnen passen, sie werden sich schon irgendwo rein finden! Jeder tut das!', mit jedem Wort klingt er verzweifelter, die Maske scheint gefallen. Ich blicke in sein altes Gesicht, begutachte die Furchen und Krater.

' Ich will nicht. Ich sehe nicht ein wieso ich mich zwangsweise einer- irgendeiner- Gruppierung anschließen sollte. Ich bin so, wie ich es jetzt im Moment bin. Im nächsten bin ich anders, das zwänge ich in keinen Schuhkarton, in keinen Ordner. Ich erfinde mich neu, wann es mir gefällt. Leben sie damit.'


'Was glauben sie eigentlich wer sie sind?' seine Stimme bebt und zeigt mir, das die Trauer auch nur eine Maske war. 'Wenn das jeder hier so machen würde! Wo kämen wir dahin? Nicht einordnungsfähig! Jeden kann man katalogisieren, in jede Sparte passt ein Mensch und ist er noch so groß! Sie werden jetzt gefälligst hier unterschreiben! Na wird’s bald!' er bewirft mich mit einem Kugelschreiber, dieser prallt ab und fällt matt zu Boden. Nun blicke ich dem Stift an, dann wieder ihn, dann zum Tisch. Einige Sekunden vergehen, lautlos, dann beginne ich zu lachen.

Laut, nicht schön, solange bis meine Lungen keine Luft mehr aufnehmen können und dann wieder von vorn. Ich zerlache den Ordner, den Tisch und blicke ihm dabei fest in die Augen. Die seinen sind aufgerissen und eine Hand fast sich unsicher an die Brust, sucht vergeblich das Herz und hält sich stattdessen an Namensschild fest. Es ist ein kleines aus Papier, auf dem mit schwarzer Schnörkelschrift geschrieben steht: Gesellschaft.

Ich schließe die Augen und versuche das Lachen noch zu steigern. Es erfüllt mich, kratzt und berstet aus mir heraus, bis ich schließlich den Raum zerlacht habe. Und mit ihm die Gesellschaft.




Das Absperrband knistert immer noch unter den Schuhen, doch diesmal klingt es anders. Es raschelt mehr, versucht sich zu bewegen, doch kann nicht. Sie schaut müde hinab, rutscht mit dem einen Fuß eine weile darüber, dann beginnt sie zu springen. Rauf und runter, rauf und runter.

Das Plastik hält die Spannung nicht aus und reiß an einer Seite, der Streifen flattert träge in der Luft. Sie besinnt sich wieder und beginnt zu laufen, ungestüm. Immer dem Streifen nach, immer weiter, dort wo das Band gelegen hatte. Doch sie läuft nicht gerade, sie beginnt Haken zu schlagen, Kurven zu gehen, läuft ein Stück zurück und wieder gerade aus. Solange wie sie es für nötig hält.

19.10.11 21:01


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