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"..und da stand der Bordstein auf und schlug mir in die Fresse."


Überall.

Sperrzone Sozialisation.





Das schwarz-gelbe Absperrband bewegt sich im seichten Wind und taucht die Welt in ein merkwürdiges Knistern, das jedes andere Geräusch in der Umgebung verschluckt. Kurz glaubt sie, es würde sogar in ihrem Kopf widerhallen.

Die Hände tief in den Taschen der Hose vergraben beobachtet sie das kleine Papierschild welches langsam mitschwingt. Die Buchstaben kommen mal näher zu ihr, mal entfernen sie sich wieder. Sie sind groß, dick und schwarz und vor allem unübersehbar.
'SPERRZONE'
Sie macht einen Schritt nach vorn, hin zu der Linie die sie von dem Ort dahinter trennt, bleibt dann wieder unschlüssig stehen. Eine heftigere Böe wirbelt Staub auf und lässt sie kurz darin verschwinden. Die Luft ist kalt und trocken, mit der Zunge befeuchtet sie die aufgesprungenen Lippen. Noch zwei Schritte weiter, dann zieht sie die Hand aus der Tasche und drückt das Absperrband zu Boden, ein letzter Schritt, dann steht sie direkt darauf.
Die Hand kriecht wieder in ihr warmes Versteck, ihre Mimik ist unberührt.
Nun steht sie auf keiner der beiden Seiten.


Ich routiere im Stillstand. Ein Pradoxon.
Unterordnen, einordnen, zuordnen.



Das Licht ist gedämmt, ich spüre das er hinter mir steht und mich beobachtet. Meine Hände verkrampfen sich ineinander, doch ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, setze ein neutrales Gesicht auf. Schließlich höre ich, wie er sich in Bewegung setzt, er rückt in mein Blickfeld und lässt sich dann auf dem Stuhl an der anderen Seite des Tisches nieder.
'Schön sie wieder zu sehen.' raunt er mir zu, ein dreckiges Grinsen breitet sich dabei wie eine Lawine auf seinem Gesicht aus.
'Die Freude ist nicht unbedingt meinerseits.' gebe ich leise zurück und versuche dabei ihm möglichst standhaft in die Augen zu blicken

Er beugt sich für einen Moment zur Seite, ehe er unter einem Grunzen einen dicken Aktenordner auf den Tisch fallen lässt. Das laute Geräusch lässt mich zusammenzucken, während ich gleichzeitig begreife was er von mir will.
'hier sind alle Möglichkeiten mit den passenden Argumenten aufgelistet, jede Sparte ist abgedeckt und auch Mischformen wurden nicht gekürzt. Im Anhang finden sie jeweilige Definitionen und eventuelle Überzeugungen. Sie haben alle Zeit der Welt sich zu entscheiden, nun ich korrigiere, sagen wir- sie haben eine Stunde, ich brauche auch meinen Feierabend.'


Ein langgezogenes Seufzen dringt aus meiner Kehle, ich lehne den Kopf nach hinten und betrachte die nackten Betonplatten der Decke. 'Das hatten wir schon mal, ich werde es auch diesmal nicht tun.' kommt es gequält aus mir heraus. 'Sie weigern sich?', die Stimme klingt nun einen Tick schärfer als zuvor, das Süßholz ist wohl ausgebrannt.

'Ja.' mit einem Ruck setze ich mich aufrecht und starre mein gegenüber an. Die Angst wich mit der Entscheidung und genüsslich betrachte ich das Entsetzen im anderen Gesicht und die kläglichen Versuche es zu verstecken.
'Sie haben ja nicht mal rein gesehen!', zu Fäusten geballte Finger hauen auf den Tisch und er richtet sich auf. An seiner Schläfe erhebt sich eine Ader und mein Fuß wippt im Rhythmus des pulsierens.


'Das werde ich auch nicht. Ich kenne die Zeilen, auch ohne sie zu lesen. Ich weiß was sie mir andrehen wollen und ich will es nicht.' mein Fuß hält still, ich stehe ebenfalls auf und laufe um den langen Tisch herum. Als ich vor ihm zum stehen stand komme, scheint er erschrocken.


'Nun nehmen sie doch irgendwas, so kann ich das nicht stehen lassen- das wissen sie! 'Individuum, Mitläufer..Punk, Zyniker.. Egoist? Vegetarier? Katholik! Irgendwas wird schon zu ihnen passen, sie werden sich schon irgendwo rein finden! Jeder tut das!', mit jedem Wort klingt er verzweifelter, die Maske scheint gefallen. Ich blicke in sein altes Gesicht, begutachte die Furchen und Krater.

' Ich will nicht. Ich sehe nicht ein wieso ich mich zwangsweise einer- irgendeiner- Gruppierung anschließen sollte. Ich bin so, wie ich es jetzt im Moment bin. Im nächsten bin ich anders, das zwänge ich in keinen Schuhkarton, in keinen Ordner. Ich erfinde mich neu, wann es mir gefällt. Leben sie damit.'


'Was glauben sie eigentlich wer sie sind?' seine Stimme bebt und zeigt mir, das die Trauer auch nur eine Maske war. 'Wenn das jeder hier so machen würde! Wo kämen wir dahin? Nicht einordnungsfähig! Jeden kann man katalogisieren, in jede Sparte passt ein Mensch und ist er noch so groß! Sie werden jetzt gefälligst hier unterschreiben! Na wird’s bald!' er bewirft mich mit einem Kugelschreiber, dieser prallt ab und fällt matt zu Boden. Nun blicke ich dem Stift an, dann wieder ihn, dann zum Tisch. Einige Sekunden vergehen, lautlos, dann beginne ich zu lachen.

Laut, nicht schön, solange bis meine Lungen keine Luft mehr aufnehmen können und dann wieder von vorn. Ich zerlache den Ordner, den Tisch und blicke ihm dabei fest in die Augen. Die seinen sind aufgerissen und eine Hand fast sich unsicher an die Brust, sucht vergeblich das Herz und hält sich stattdessen an Namensschild fest. Es ist ein kleines aus Papier, auf dem mit schwarzer Schnörkelschrift geschrieben steht: Gesellschaft.

Ich schließe die Augen und versuche das Lachen noch zu steigern. Es erfüllt mich, kratzt und berstet aus mir heraus, bis ich schließlich den Raum zerlacht habe. Und mit ihm die Gesellschaft.




Das Absperrband knistert immer noch unter den Schuhen, doch diesmal klingt es anders. Es raschelt mehr, versucht sich zu bewegen, doch kann nicht. Sie schaut müde hinab, rutscht mit dem einen Fuß eine weile darüber, dann beginnt sie zu springen. Rauf und runter, rauf und runter.

Das Plastik hält die Spannung nicht aus und reiß an einer Seite, der Streifen flattert träge in der Luft. Sie besinnt sich wieder und beginnt zu laufen, ungestüm. Immer dem Streifen nach, immer weiter, dort wo das Band gelegen hatte. Doch sie läuft nicht gerade, sie beginnt Haken zu schlagen, Kurven zu gehen, läuft ein Stück zurück und wieder gerade aus. Solange wie sie es für nötig hält.

19.10.11 21:01
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


brainsdeath / Website (20.10.11 15:36)
dEIN BLOG GEFÄLLT MIr (=
besonders der bordstein-spruch.^^


brainsdeath (20.10.11 15:37)
also das mit den grossbuchstaben beim eintippen is sehr irritierend oO


(2.11.11 22:41)
mein favorit! absolut spannend, wie ein guter krimi- man will wissen, wie es weitergeht. die problematik ist super getroffen, ich kann mich damit identifizieren und gleichzeitig denke ich jetzt das erste mal darüber nach, was es in dieser gesellschaft eigentlich heißt individuell zu sein.

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