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"..und da stand der Bordstein auf und schlug mir in die Fresse."


Überall.

Teil I


Wie es sein kann.

By Lyrin


Die kleinen Glocken wirbelten umher und ertönten hell, als die Tür sie anstieß. Ein kalter Windzug machte sich im Raum breit, mit ihm ein kurzer Duft von gebrannten Mandeln sowie kaltes Stimmgewirr, gerade solang bis das letzte Läuten verklungen war. Bei gedämpften Licht und Kerzenschein wurde gemurmelt und gelacht. Wortfetzen schmückten die Luft, erfüllten sie mit Schnee und Weihnachtsgeschenken, mit Wünschen und Absichten.

Weiter hinten im Raum, dort wo die Stille Einzug gehalten hatte und die zwei in sich gesunkenen Personen abschirmte, dorthin trieb es den neuen Gast und er ließ sich auf den noch freien Sessel sinken. Die beiden anderen blicken kurz auf, ehe sie sich ihrem Kaffee zuwandten.


„Bist du auch schon da.“ sprach die eine leise mit einer zarten, wenn gleich traurigen Stimme. „Entschuldigt die Verspätung.“ er räusperte sich und fuhr dann fort „Ich war so aufgebracht und wollte euch nicht damit behelligen. Trotz allem und wie ihr seht und hört komme ich nicht zur Ruhe.“ kurz hielt er inne. „Meine Liebe, meine Hoffnung..“ nacheinander blickte er sie an. „Sagt mir ihr beiden, was ist aus den Menschen geworden?“ Seine Stimme glich bei diesen Worten mehr einem Seufzen und während er sprach, schob er sich den schweren Wintermantel von den Schultern. Im matten Licht funkelten die kleinen Wasserperlen darauf wie dutzende, edelst geschliffene Diamanten.

Ein Löffel klirrte gegen das Innere einer Tasse und die Hoffnung sprach gedankenverloren: „Mein lieber Friede, was erwartest du darauf noch für eine Antwort?“

Sie ließ den Löffel in der Tasse ruhen und blickte in die Flamme der kleinen Kerzen, welche in der Mitte des Tisches langsam dennoch stetig ihrem Ende zuging. „ Man stelle sich vor, ich wandere seit Wochen durch die Städte und Länder, nirgends erkenne ich mich wieder. Es gibt kein Zeichen, keinen Gedanken der auf meine Existenz hindeutet. Die Menschen haben mich verloren. Dort ist kein Flämmchen mehr, nicht einmal ein Funken. Ihre Köpfe sind gefüllt von Leere, von Angst, von Schmerz. Es sickert in ihre Herzen und vertreibt alles Gute, alles Lohnenswerte. Sie streben nicht mehr, sie glauben nicht mehr und zuletzt vergessen sie mich und hoffen nicht mehr.“ die Stimme der Hoffnung wurde zu einem Flüstern „Ich bin verklungen, ein Märchen bin ich und noch nicht mal das. Eine Geschichte aus alten Tagen, an die sich niemand mehr erinnert. Nicht mehr und noch viel weniger.“ Sie sank in die Lehne des Sessels zurück, die Hände ruhten in ihrem Schoß während ihr Blick in weiter Ferne lag. Neben ihr regte sich die Liebe, die ihr mit zusammen gepressten Lippen gelauscht hatte. Sie trank einen Schluck des mittlerweile kalten Kaffees und blickte die anderen grimmig an. „Glaube nicht, das es nur dir so ergeht.“ platzte es aus ihr heraus. Sie musterte die Hoffnung ausführlich und mit einer Stimme die durch Mark und bein ging knüpfte sie an: „Was glaubst du, geht den Menschen in diesen Tagen durch den Kopf? Sieh sie dir an! Wir sehen das gleiche! Sie gehen kaufe,kaufen kaufen. Sie kaufen im Fernsehen, im Internet, in Kaufhäusern, in Supermärkten. Als würde ihr Leben einzig daraus bestehen.

Sie kaufen nicht mal mehr, um anderen Freude zu bereiten, sondern sie tun es, weil es alle tun. Suggerieren sich gegenseitig wie wichtig es wäre viel Geld auszugeben, da bleibt keine Zeit für Mitgefühl.“ Die Liebe versteifte sich merklich, ein dunkles rot breitete sich flächendeckend in ihrem Gesicht aus. „Ich sehe meinen Untergang, so sieht es aus. Selbst mich kann man heute kaufen, man kann mich verschenken und benutzen, hübsch verpackt als Wecker oder Kettchen. Ich gehe unter in der Hektik, in diesem dicken Grau in dem es keine Zeit mehr für Umarmungen oder Küsse gibt. Nicht ein ein Lächeln. Nur Ellenbögen und Beschimpfungen. Ich sterbe aus, niemand sieht mich. Das Menschenvolk ist blind. Dauernd sprechen sie von mir, allenfalls leere Worte.“ Frust und Zorn quoll aus den Silben und blieb regungslos in der Luft hängen, bis der Friede die Hände auf Tisch knallen lies. „Du armes Wesen! Wie bedauernswert!“ in gespielten Mitleid tätschelte der Friede ihr den Arm, lachte bitter auf und fuhr sie an: „Wenn es unser einziges Problem wäre, das die Menschen sich gegenseitig mit Speichel versorgen! Amors Pfeil kann sie leider nicht durchbohren, wenn sie tot im Straßengraben liegen. Oder zumindest nützt ihnen das nicht viel. Du musst zu ihnen hingehen, bist du das? Nein! Du hast schlicht und einfach versagt, so ist das! Schau dir die Nachrichten an! Es herrscht Krieg auf der Welt, überall bekämpfen sich die Menschen, zerstören sich selbst. Schau dich um! All die Leid geplagten Seelen. Die Bomben und Gewehre! Selbst hier in diesem Raum! Schau dich um! Wie viele mich nicht in sich tragen. Wie viel Hass und Zerstörungen in den Herzen jeder einzelner liegt. Ja meine Liebe, sie können sich nicht selbst lieben - so gut bist du! Nicht einmal das können sie mehr! Wie soll ich dann zustande kommen? Wie sollen sie mich in sich selbst finden?“ der Friede atmete lautstark aus und drückte sich so schwungvoll in die Lehne, dass der Sessel einen Moment lang zu kippen drohte. Ein stummes Duell entstand, ausgetragen mit Blicken die wie Pfeile auf den jeweils anderen niederprasselten. Die Hoffnung verfolgte das Kriegsspiel kurz, bis es ihr zu bunt wurde. Sie erhob sich und stieß dabei gegen den Tisch. Das Klirren der Tassen ließ die beiden aufblicken.

„ Nun reißt euch zusammen!“ blaffte sie. „Was soll das werden? Übertrumpft ihr euch jetzt gegenseitig? Das war nicht der Sinn dieses Treffens!“ grollend zog ihre Stimme durch die Luft und ließ einen Stich in beiden Herzen zurück. Doch es dauerte nicht lang, da hatte der Friede sich erholt und blickte sie wutentbrannt an: „ Es war klar das du wieder deinen Senf dazugeben musst! Immer du – du – du, deine Probleme sind natürlich wichtiger. Dabei wirst du nicht gebraucht! Jawohl, das liegt mir schon lange auf der Zunge. Hoffnung ist etwas für Anfänger, für Menschen die mich nicht umsetzen können weil sie zu schwach sind! Du hattest recht, vergessen bist du! Besser ist das!“

„Ach so ist das!“ sagte die Liebe ironisch. „ Dann bin ich sicherlich auch nur etwas für Träumer, für Verlorene die sich nicht zusammenreißen können um das wesentliche zu erkennen!“

„Selbsterkenntnis“ zischte der Friede ihr entgegen „Ist der erste Schritt zur Besserung!“

Die Hoffnung trat einen Schritt vom Tisch weg und starrte den Friede an, in ihren Augen loderte für einen Lidschlag Schmerz, der jedoch schon im nächsten Moment von unbändigem Zorn übermannt wurde. „Auch ohne dich können die Menschen glücklich sein, auch ohne dich gibt es mich! Gerade in Zeiten der Krise erkennen die Menschen mich wirklich und verlangen nach mir! Wer braucht dich schon!“ abrupt wandte sie sich der Liebe zu „Und du wirst sowieso überbewertet! Ignorant bist du! Duldest niemanden neben dir und wirst bei jeder Kleinigkeit eifersüchtig! Deine eigenen Ideale verwirfst du permanent und baust neue auf! So ein Scheiß! Besser ist's, das sie dich kaufen - so bleibst du zumindest beständig!“

Mit diesen Worten schwang sich die Hoffnung ihren Mantel über und verließ, ohne noch einen Laut von sich zu geben, das Café. Die Liebe knurrte ihr leise hinterher, drehte sich jedoch gleich wieder dem Frieden zu und giftete ihm entgegen„ Wie recht sie hat und sowieso du bist doch nur ein Trugbild, dich hat es nie wirklich gegeben! Du spielst den Menschen nur etwas vor um dich daran zu ergötzen!“

„Aber du! Du bist echt, nicht wahr? Du bist wahrhaftig und immer während? Wie du dich noch im Spiegel ertragen kannst!“ Die Stimme des Friedens hallte im Raum nach, auch er schwang sich seinen Mantel über die Schultern, macht auf dem Absatz kehrt, eilte hinaus. Einige Augenblicke verharrte die Liebe, nahm ihre Tasse und trank den kläglichen Rest, ehe sie blind vor Ärger und Groll ebenfalls den Weg ins Freie suchte.

 

 

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Die Kerze auf dem verlassenen Tisch flackerte als sich die Tür abermals schloss. Kurz schwenkte ihr Lichtkegel tiefer in die Ecken hinein und bracht eine dunkle Gestalt zum Vorschein, die man erst auf den zweiten Blick bemerkte. Der Kragen des Mantels war hochgestellt und der Hut tief ins Gesicht gezogen, die Zigarre zwischen den schlanken Fingern züngelte kleine Rauchfäden empor. Kurz schien es, als wäre er eingeschlafen, dann schnellte seine Hand nach vorn und stieß die Asche des Glimmstängels auf den Boden ab. Die andere schob den Hut höher und wie aus dem Schatten seiner Selbst empor gestiegen sah man nun sein ganzes Gesicht. Es war ein alter Mann der dort saß, dessen Lächeln unzählbar viele Falten in sein Gesicht legte. Genüsslich zog er an der Zigarre, blies kleine Kreise in die Luft und sann ihnen nach. Sein Lächeln galt der Unscheinbarkeit. Wenige bemerkten Ihnen, wenige schenkten ihm die Beachtung, die ihn vertrieb. Er war gerne ein stiller Beobachter, ein stummer Begleiter. Er brauchte keine Worte um die Dinge zu bewegen, sie taten es von selbst.

So saß er dort, im Schatten aller und lächelte vor sich hin, am Ende war es doch er, der lachte.

Am Ende war es immer er.

Denn welches Wesen bemerkte schon die Selbstsucht?

24.12.11 01:38
 


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